Schweiz Kolonien

Die Schweiz Kolonien

Kolonialismus und Sklavenhandel betrafen nicht nur ehemalige Kolonien und Kolonialmächte. Der Kolonialismus ist in der Schweiz kaum ein Thema. Gleiches gilt für die Schweiz. Kommen wir zurück zum Anfangsproblem der Integration der Schweiz oder der Schweiz mit den Kolonien. Diese Kolonie ist schweizerischer als die Schweiz.

Versteckte Kolonien der Schweiz - Durchgang

Erstausstrahlung: Wiederholung: Lange Zeit konnte die Schweiz so tun, als hätte sie keine Kolonialvergangenheit mehr - nicht heute. In der Schweiz gibt es laut Volksmeinung keine Kolonialgeschichte. Aber die von schweizerischen Bankern mitfinanzierten Sklavenschiffen, internationale Ausstellungen, Forschungsreisen und vieles mehr sprechen eine andere Sprache. Das ist eine unterdrückte Story, sagt die Philosophieerin Patricia Purtschert, die sich seit Jahren mit der schweizerischen Kolonialgeschichte beschäftigt.

In einem Interview mit Christoph Keller erklärt sie auch, was das alles mit der Gestalt von Global, Schorsch Schaggo und Schwarzmalerei zu tun hat.

Die Schweiz profitiert auch von den Kolonien.

Spaziergänge durch die Innenstädte Großbritanniens - ob London, Glasgow oder Liverpool -, Monumente, Gedenktafeln, aber auch unzählige Straßen- oder Gebäudebezeichnungen zeugen von der tiefgreifenden Verflechtung des "Mutterlandes der Moderne" mit seiner Kolonialvergangenheit. Doch was hat das alles mit der Schweiz und ihrem Reichtum zu tun?

Ein kleines Europa, das keinen Hafenzugang hatte und seine Funktion als neutraler und friedliebender Ort zwischen 1880 und 1914 in einem waffenstarken, expansionistischen Europa mit besonderem Elan pflegte, statt Expeditionen nach Übersee auszustatten, erscheint die Schweizerische Konföderation der imperialen Verwicklungen völlig ahnungslos. Auf den ersten Blick erscheint die Behauptung, man könnte sogar einen kausalen Zusammenhang zwischen der gewalttätigen Kolonisierung und der wirtschaftlichen Nutzung der außereuropäischen Länder auf der einen Seite und dem Wirtschaftswachstum der Schweiz auf der anderen Seite aufzeigen.

Nichtsdestotrotz hatte der deutsche Soziologie-Professor Richard Fritz Behrendt, der viele Jahre in Basel und Bern lehrte, bereits vor mehr als achtzig Jahren eine solche Interpretation des Wohlstandes der Schweiz mit dem Argument der wissenschaftlichen Ernsthaftigkeit vorgelegt. Der Sozialwissenschaftler und Volkswirt versucht in Behrendts 1932 veröffentlichter (und längst vergessener) Untersuchung "Schweiz und Imperialismus" auf einer breiten Datengrundlage zu belegen, dass der "hochkapitalistische Kleinstaat" auch ohne unmittelbare Teilnahme an der kolonialen Eroberung das Wirtschaftskapital in vielerlei Hinsicht aus der kaiserlichen Welt-Ordnung herausschlagen konnte.

Seitdem stellt sich in der Wissenschaftsdebatte immer wieder die Frage, ob die Schweiz in der kaiserlichen Ausdehnung Großbritanniens, Frankreichs, der Niederlande, Deutschlands und Italiens wirklich als Freerider gelten kann, ohne natürlich in das Bewußtsein einer breiten Bevölkerung einzudringen. Um die Kulturwissenschaftlerin und Philosophieerin Patricia Purtschert hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Fragen und Methoden der postkolonialen Studien auf die Auseinandersetzung mit der schweizerischen Geschichts- und Gesellschaftsgeschichte vorzubereiten.

Der Gedanke eines so genannten "sekundären Imperialismus" erscheint besonders in einer Zeit, in der die Reichsmetapher immer häufiger verwendet wird - vor allem, wenn die asymmetrischen Herrschaftsverhältnisse, auf denen die Reiche basieren, mehr auf wirtschaftlicher als auf militärischer Übermacht basieren. Jahrhundert beruhte in der Tat auf der überproportionalen Wichtigkeit des Aussenhandels und vor allem des Exports von schweizerischen Erzeugnissen in Kolonien (oder ehemaligen Bestandteilen von Kolonialreichen, die sich selbstständig gemacht hatten).

Etwa um 1850 zum Beispiel ging rund 65 Prozent der schweizerischen Ausfuhren nach Nord- und Lateinamerika oder Asien. Zu den Kontakten und Netzwerken, die in dieser langjährigen Handelstradition der Schweiz vor allem in Asien, dem Nahen Osten und Lateinamerika, aber auch in Afrika entstanden sind, gehörten lokale Kaufleute und Geldgeber sowie Repräsentanten der entsprechenden kolonialen Mächte vor Ort. 4.

Von dem so angesammelten Sozialkapital - und das wäre die zweite bedeutende Erkenntnis - profitieren auch die wachsenden schweizerischen Großbanken seit Ende des neunzehnten Jahrhundert. Sie kofinanzierten die kapitalintensiven Expansionen der schweizerischen Gesellschaften sowie die Errichtung von Tochtergesellschaften im Ausland und bauten damit ihr weltweites Kontaktnetz deutlich aus.

Der Züricher Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann hat bewiesen, dass die Bank auch nach Jahrzehnten von der Internationalität der Geschäftsbeziehung im Kolonialkontext profitierte: Sie war eine unabdingbare Vorbedingung für den Aufschwung der schweizerischen Kreditinstitute im Bereich der globalen Vermögensberatung nach dem Zweiten Weltkrieg. 2008 war sie eine der ersten Adressen in der Schweiz. Zum Dritten deutet aber auch eine Auswertung der bisher verfügbaren Untersuchungen darauf hin, dass der allgemein gültige einzelstaatliche Beobachtungsrahmen in vielen Faellen nicht ausreicht, um die Teilnahme von schweizerischen AkteurInnen an kolonialistischen Bergbauprojekten einzubeziehen.

In vielen Faellen muss die Fragestellung nicht sein, in welchem Ausmass die Schweiz vom lmperialismus profitierte, sondern in welchem Ausmass waren schweizerische Gebiete, Gewerbetreibende, Unternehmen bzw. Geldinstitute an kolonialistischen Ausbeutungssystemen beteiligt? Oftmals wurden zwischen der Schweiz und anderen Akteursgruppen, in denen die Nationalität von untergeordneter Bedeutung war, engere Bündnisse geschlossen. Die Wirtschaftshistoriker David und Etemad betonten vor Jahren, dass dies wohl das erste Beispiel für "koloniale Komplizenschaft" zwischen schweizerischen Kaufleuten und Finanziers ist.

Die Tatsache, dass solche länderübergreifenden Händlernetze zu Beginn des zwanzigsten Jahrhundert noch auf dem Gipfel des Nationalismus arbeiteten, zeigt nicht zuletzt Andrea Franc's Untersuchung über die Teilnahme der Baseler Missionary Action Society am Kakao-Handel in Westafrika. In der englischen Gold Coast (heute Ghana) handelten die Baseler als Teil eines internationalen Europakartells, das die Preisfestsetzung und die Bestrebungen der lokalen afrikanischen Handelsunternehmen, am weltweiten Kakao-Boom teilzuhaben, unterdrückt hat.

Von da an war es unternehmerisch förderlich, den spezifischen schweizerischen Aspekt der Unternehmensidentität zu unterstreichen. Hier kommt erstmals die volkswirtschaftliche Komponente zum Tragen: Das Neutralitätsstatut schuf für die schweizerischen Wirtschaftsakteure - von Pierre Bourdieu inspiriert - ein Symbolkapital, das in Wirtschaftskapital umgewandelt werden konnte. In diesem skizzenhaften Abriss wird deutlich, dass eine umfassende und eingehende Untersuchung der kolonialistischen Verflechtungen von schweizerischen Handels-, Bank- und Diplomatenhäusern ein wichtiger Bestandteil der lokalen Geschichtsforschung ist.

Die bisherigen fragmentarischen Erkenntnisse deuten auf eine gewisse Prosperität der Schweiz durch den "symbiotischen Imperialismus" in Zusammenarbeit mit diversen europ. Im Mikrobereich wäre es wahrscheinlich leicht zu zeigen, dass sich der starke Bezug zwischen europäischer Prosperität und Kolonialausbeutung nicht nur in prächtigen Gebäuden wie dem Kolonialbüro in London oder den Repräsentanten der Reedereien im Hafenbezirk Liverpool, sondern auch in einigen Villen im Züricher Seeefeld oder bestimmten Bürgerhäusern in Basel manifestiert.

Reichsimperialismus und Colonialismus waren paneuropäische Vorhaben, an denen AkteurInnen aus vielen Staaten beteiligt waren und die sich daher nicht auf nationale Landesgrenzen beschränken konnten. In der Schweiz sollten sich deshalb Geschichtsschreiber und Bevölkerung auf eine seit Jahren in anderen europäischen Staaten geführte Diskussion einlassen: die Diskussion über die Form und die Konsequenzen der kolonialen Nutzung.

Auch in diesem Bereich muss man sich mit der eigenen Geschichte auseinandersetzen, denn die Schweiz ist im Laufe der Jahrzehnte in vielerlei Hinsicht mit den Tätigkeiten ihrer Nachbarländer in Europa verwoben - im Guten wie im Schlechten.

Mehr zum Thema